Varroa im Herbst
Warum bei einem guten Varroamanagement im Oktober normalerweise keine Behandlung mehr nötig sein sollte – und was zu tun ist, wenn der Milbenbefall trotzdem zu hoch ist
Bei einem guten Varroamanagement sollte im Oktober normalerweise keine zusätzliche Behandlung mehr notwendig sein. Das muss unser Ziel sein. Denn die entscheidende Arbeit gegen die Varroamilbe gehört in den Sommer, bevor die langlebigen Winterbienen aufgezogen werden.
Wer seine Völker rechtzeitig kontrolliert und den Milbenbefall im Spätsommer ausreichend reduziert hat, sollte jetzt gesunde, gut versorgte Winterbienen im Stock haben. Diese Bienen gilt es zu schonen. Sie müssen schließlich mehrere Monate überleben und im Frühjahr die erste neue Bienengeneration aufziehen.
Natürlich läuft in der Imkerei nicht immer alles nach Plan. Eine unzureichend wirksame Sommerbehandlung, ein unerwartet hoher Restbefall oder eine Reinvasion aus anderen Völkern können dazu führen, dass auch im Oktober noch Handlungsbedarf besteht.
Doch eine späte Behandlung sollte nicht zur Routine werden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Was kann ich im Oktober noch alles gegen Varroa unternehmen? Sondern: Muss ich überhaupt noch eingreifen – und wenn ja, wie kann ich das möglichst schonend tun?
1. Warum der Oktober für unsere Winterbienen so entscheidend ist
Unter normalen mitteleuropäischen Bedingungen sollte im Oktober bereits ein großer Teil der Winterbienengeneration aufgezogen sein. Je nach Witterung, Standort und Volksentwicklung können noch weitere Winterbienen hinzukommen.
Diese Bienen unterscheiden sich wesentlich von den kurzlebigen Sommerbienen. Sie verfügen über besondere physiologische Reserven, die ihnen ermöglichen, mehrere Monate zu überleben.
Während der Aufzucht sind sie allerdings besonders empfindlich gegenüber den Folgen eines hohen Varroabefalls.
Die Milben schädigen die sich entwickelnden Bienen und begünstigen die Verbreitung und Vermehrung gefährlicher Viren, insbesondere des Flügeldeformationsvirus.
Wenn Winterbienen bereits während ihrer Entwicklung stark geschädigt wurden, kann eine spätere Behandlung diesen Schaden nicht rückgängig machen.
Eine im Oktober abgetötete Milbe ist zwar eine Milbe weniger. Aber eine bereits geschädigte Winterbiene wird dadurch nicht wieder gesund.
Deshalb sollte der Milbenbefall möglichst schon während der Aufzucht der Winterbienen niedrig sein.
Im Oktober geht es vor allem darum, die vorhandenen Winterbienen zu erhalten – nicht darum, Versäumnisse des Sommers durch möglichst intensive Behandlungen auszugleichen.
2. Warum zusätzliche Behandlungen jetzt auch schaden können
Jeder Eingriff in ein Bienenvolk bedeutet eine gewisse Störung. Das gilt insbesondere dann, wenn Waben gezogen, Brutflächen verändert oder Tierarzneimittel eingesetzt werden.
Natürlich ist eine notwendige Behandlung bei hohem Milbenbefall sinnvoller, als die Bienen weiterhin einer starken Varroabelastung auszusetzen.
Aber bei einem Volk mit geringem Befall bringt eine zusätzliche Behandlung möglicherweise keinen ausreichenden Nutzen, um die damit verbundene Belastung zu rechtfertigen.
Gerade im Oktober sollte deshalb nicht nach dem Motto gehandelt werden: Viel hilft viel.
Warum ich jetzt keine Ameisensäure mehr einsetzen würde
Ameisensäure hat ihren Platz in der Varroabekämpfung. Im Oktober würde ich jedoch grundsätzlich auf eine weitere Behandlung damit verzichten.
Die häufig niedrigen und schwankenden Temperaturen erschweren eine zuverlässige Verdunstung. Gleichzeitig können ungünstige Anwendungsbedingungen die Bienen, die Königin und vorhandene Brut belasten.
Vor allem aber sollten die bereits vorhandenen Winterbienen möglichst geschont werden.
Es gibt andere Möglichkeiten, auf einen erhöhten Milbenbefall zu reagieren, ohne jetzt noch eine Ameisensäurebehandlung durchzuführen.
3. Erst den Milbenbefall beurteilen – dann entscheiden
Bevor im Oktober eine Behandlung begonnen wird, sollte möglichst zuverlässig festgestellt werden, wie hoch die Varroabelastung tatsächlich ist.
Dafür kommen beispielsweise eine mehrtägige Kontrolle des natürlichen Milbenfalls oder eine geeignete standardisierte Befallsmessung an erwachsenen Bienen infrage.
Dabei ist Vorsicht geboten: Der natürliche Milbenfall allein ist kein exakter Maßstab. Brutumfang, Volksstärke, vorausgegangene Behandlungen und andere Faktoren beeinflussen das Ergebnis.
Auch die Begriffe niedriger, mittlerer und hoher Befall sind nicht unabhängig von der Jahreszeit zu bewerten. Ein Befallswert, der im Frühjahr noch tolerierbar sein könnte, kann im Herbst bereits problematisch sein.
Besonders wichtig ist der Blick auf die Volksstärke. Wenn die Zahl der Bienen im Herbst zurückgeht, kann sich der relative Milbenbefall der verbleibenden Bienen deutlich erhöhen.
Deshalb sollten Befallswerte immer im Zusammenhang mit Volksstärke, Brutumfang und bisheriger Behandlung beurteilt werden.
4. Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es im Oktober noch?
Wenn tatsächlich Handlungsbedarf besteht, sollten möglichst schonende und gezielte Verfahren gewählt werden.
Oxalsäureverdampfung bei Brutfreiheit
Ist das Volk vollständig brutfrei, kann eine einmalige Behandlung durch Verdampfen eines dafür zugelassenen Oxalsäurepräparats sehr sinnvoll sein.
Die Milben befinden sich dann überwiegend auf den erwachsenen Bienen und sind für die Behandlung erreichbar.
Eine solche Behandlung kann bereits die Restentmilbung darstellen. Sie muss nicht zwangsläufig erst im Dezember erfolgen.
Oxalsäurestreifen bei mittlerem Befall oder Reinvasion
Seit 2025 sind in Deutschland mit Calistrip Biox auch Oxalsäurestreifen zugelassen.
Diese können insbesondere bei einem mittleren Milbenbefall oder einer erneuten Einschleppung von Milben im Herbst eine zusätzliche Möglichkeit darstellen.
Die Streifen werden in die Wabengassen gehängt und geben ihren Wirkstoff über einen längeren Zeitraum durch den Kontakt mit den Bienen ab.
Dabei müssen zwei Voraussetzungen beachtet werden: Die Bienen müssen noch ausreichend aktiv sein, und es sollte keine größere Menge verdeckelter Brut vorhanden sein.
Die Streifen sind keine zuverlässige Lösung für stark brütende Völker. Untersuchungen haben gezeigt, dass ihre Wirksamkeit bei normalem Brutumfang als alleinige Behandlung nicht ausreicht, aber bei schwachem Befall und Reinvasion durchaus sehr gute Ergebnisse zeigt.
Auch eine Behandlung mit Streifen sollte nicht automatisch mit weiteren Oxalsäureanwendungen kombiniert werden.
Restbrut entfernen oder öffnen
Wenn im Oktober nur noch eine sehr kleine Menge verdeckelter Brut vorhanden ist, kann eine gezielte Entfernung dieser Brut sinnvoll sein.
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die verbliebenen verdeckelten Brutzellen mit einer Entdeckelungsgabel zu öffnen.
Anschließend kann man den Bienen ungefähr ein bis zwei Tage Zeit geben, die beschädigte Brut auszuräumen.
Wichtig ist jedoch, dass diese Zeitspanne keine Garantie für vollständige Brutfreiheit darstellt. Vor der anschließenden Behandlung muss kontrolliert werden, ob sämtliche verdeckelten Brutzellen ausgeräumt wurden und keine neue Brut verdeckelt worden ist.
Bei größeren Brutflächen wäre ein solcher Eingriff dagegen kritisch, weil damit noch zahlreiche junge Bienen verloren gehen könnten.
5. Zehn typische Situationen im Oktober – mit Handlungsempfehlungen
Szenario 1: Starkes Volk, niedriger Milbenbefall, noch etwas Brut
Das Volk ist kräftig, ausreichend eingefüttert und zeigt keine auffälligen Schäden. Die Befallskontrolle bestätigt einen niedrigen Milbenbefall.
Empfehlung: Nicht zusätzlich behandeln. Die Winterbienen schonen und die Restentmilbung bei tatsächlicher Brutfreiheit einplanen.
Szenario 2: Starkes Volk, mittlerer Milbenbefall, kaum noch Brut
Die Sommerbehandlung hat grundsätzlich funktioniert, aber der Milbenbefall ist höher als gewünscht. Das Volk ist noch aktiv und hat nur wenig auslaufende Brut.
Empfehlung: Zugelassene Oxalsäurestreifen können eine Option sein. Der Behandlungserfolg muss anschließend kontrolliert werden. Die Eignung hängt vom konkreten Befall und den Anwendungsbedingungen ab.
Szenario 3: Starkes Volk, hoher Milbenbefall, vollständig brutfrei
Das Volk ist noch kräftig, aber die Milbenbelastung ist eindeutig zu hoch. Es ist keine Brut mehr vorhanden.
Empfehlung: Zeitnah eine zugelassene Oxalsäurebehandlung durchführen, beispielsweise durch einmaliges Verdampfen. Anschließend die Wirksamkeit kontrollieren.
Szenario 4: Hoher Milbenbefall, nur noch wenige verdeckelte Brutzellen
Die Königin hat die Eiablage weitgehend eingestellt. Lediglich eine kleine Restbrutfläche ist vorhanden.
Empfehlung: Die Restbrut gezielt entfernen oder mit einer Entdeckelungsgabel öffnen. Nach etwa ein bis zwei Tagen die vollständige Ausräumung kontrollieren. Bei bestätigter Brutfreiheit kann eine geeignete Oxalsäurebehandlung erfolgen.
Szenario 5: Mittlerer Befall durch Reinvasion
Die Sommerbehandlung war erfolgreich. Im Oktober steigt der Milbenbefall jedoch erneut an, möglicherweise durch Milbeneintrag aus anderen Völkern.
Empfehlung: Den Befall überprüfen. Bei noch aktiven Bienen und wenig Brut können zugelassene Oxalsäurestreifen eine sinnvolle Möglichkeit sein. Gleichzeitig sollten die übrigen Völker am Stand kontrolliert werden.
Szenario 6: Starke Reinvasion, hoher Milbenbefall
Innerhalb kurzer Zeit steigt die Milbenbelastung erheblich. Das Volk ist bereits brutfrei.
Empfehlung: Nicht unnötig abwarten. Eine zeitnahe, wirksame Oxalsäurebehandlung kann hier sinnvoller sein als eine länger dauernde Streifenbehandlung. Den Befall anschließend weiter überwachen, da erneuter Milbeneintrag möglich ist.
Szenario 7: Mittleres Volk, hoher Befall und mehrere Brutwaben
Das Volk hat noch größere verdeckelte Brutflächen. Gleichzeitig ist der Milbenbefall deutlich erhöht.
Empfehlung: Nicht pauschal sämtliche Brut entfernen. Der Verlust an nachschlüpfenden Bienen könnte das Volk zusätzlich schwächen. Hier muss individuell eine geeignete, zugelassene Behandlung oder biotechnische Maßnahme gewählt werden. Oxalsäurestreifen allein sind bei größerem Brutumfang nicht zuverlässig genug.
Szenario 8: Schwaches Volk, aber niedriger Milbenbefall
Das Volk besetzt nur wenige Wabengassen, zeigt aber keinen auffälligen Varroabefall.
Empfehlung: Nicht unnötig behandeln. Stattdessen Königin, Futterversorgung, Volksstärke und mögliche andere Ursachen überprüfen. Bei mangelnder Überwinterungsfähigkeit kann eine Vereinigung mit einem gesunden Volk erwogen werden.
Szenario 9: Schwaches Volk mit hohem Befall und sichtbaren Schäden
Das Volk verliert Bienen, ist stark geschrumpft oder zeigt deutliche Symptome virusbedingter Schäden.
Empfehlung: Den Gesundheitszustand und die Überwinterungschancen beurteilen. Eine Behandlung kann verbliebene Milben reduzieren, aber bereits geschädigte Winterbienen nicht heilen. Bei sehr schlechter Prognose muss über eine fachgerechte Sanierung oder Auflösung entschieden werden, ohne andere Völker zu gefährden.
Szenario 10: Bereits im Oktober erfolgreich restentmilbt
Das Volk war brutfrei, wurde mit einem zugelassenen Oxalsäurepräparat behandelt und zeigt anschließend einen niedrigen Restbefall.
Empfehlung: Nicht allein wegen des Kalenderdatums im Dezember erneut behandeln. Eine weitere Behandlung sollte nur erfolgen, wenn sie aufgrund des Befalls notwendig und nach der Zulassung des verwendeten Präparats zulässig ist.
6. Muss im Winter grundsätzlich noch behandelt werden?
Für die normale Imkerei gehört eine wirksame Restentmilbung bei Brutfreiheit zu einem guten Varroamanagement.
Sie sollte grundsätzlich vorgesehen werden, sofern sie nicht bereits erfolgreich zu einem früheren Zeitpunkt durchgeführt wurde.
Es gibt allerdings eine besondere Ausnahme: gezielte Zucht- und Forschungsprogramme, bei denen die Varroaresistenz von Bienenvölkern untersucht wird.
In solchen Programmen können unter kontrollierten Bedingungen andere Behandlungsstrategien verfolgt werden. Dazu gehören regelmäßige Befallsmessungen, die genaue Dokumentation der Volksentwicklung und festgelegte Eingreifgrenzen.
Das ist jedoch nichts für Anfänger und darf nicht als allgemeine Empfehlung verstanden werden.
Auch bei der Resistenzzucht gilt: Ein Volk, das sich im Frühjahr gut entwickelt, ist nicht automatisch varroaresistent. Bei kritischem Befall muss eingegriffen werden, um unnötige Völkerverluste und eine Gefährdung anderer Bienenvölker zu vermeiden.
7. Was uns der Oktober über unser Varroamanagement verrät
Ein Volk, das im Oktober gesund, stark und mit niedrigem Milbenbefall dasteht, zeigt, dass wichtige Voraussetzungen für die Überwinterung erfüllt sind.
Bei einem Volk mit hohem Befall sollten wir dagegen nicht nur überlegen, wie wir die Milben jetzt noch reduzieren können.
Wir sollten auch hinterfragen, warum es überhaupt dazu gekommen ist.
War die Sommerbehandlung zu spät? War ihre Wirksamkeit unzureichend? Wurde der Befall unterschätzt? Oder kam es zu einer erneuten Einschleppung von Milben?
Diese Fragen sind für das nächste Bienenjahr mindestens ebenso wichtig wie die aktuelle Behandlung.
Denn langfristig sollte das Ziel sein, den Varroabefall so frühzeitig und zuverlässig zu kontrollieren, dass unsere Winterbienen möglichst unbelastet aufwachsen können.
Fazit: Eine Oktoberbehandlung sollte die Ausnahme sein, nicht die Regel
Bei einem guten Varroamanagement sollte im Oktober normalerweise keine zusätzliche Behandlung mehr notwendig sein.
Die Winterbienen sollten zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend aufgezogen sein. Sie benötigen jetzt vor allem Ruhe, ausreichende Futtervorräte und einen möglichst niedrigen Milbenbefall.
Wenn dennoch eingegriffen werden muss, stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung.
Bei mittlerem Befall oder Reinvasion können zugelassene Oxalsäurestreifen eine Option sein, sofern die Bienen noch aktiv sind und nur wenig Brut vorhanden ist.
Bei vollständiger Brutfreiheit kann eine einmalige Oxalsäureverdampfung sinnvoll sein. Kleinste Restbrutflächen lassen sich gegebenenfalls gezielt entfernen, um diesen Zustand herzustellen.
Auf eine zusätzliche Ameisensäurebehandlung würde ich im Oktober möglichst verzichten.
Entscheidend ist, die Maßnahmen dem tatsächlichen Zustand des Volkes anzupassen und die Winterbienen nicht unnötig zu belasten.
Denn das beste Varroamanagement im Oktober ist dasjenige, das bereits im Sommer dafür gesorgt hat, dass wir jetzt möglichst wenig tun müssen.
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